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Ein Tag mit ...

Stefan Koenen gibt Schaustellerkindern Unterricht — Mobiles Schulzimmer

Stefan Koenens in seinem „Mobilen Schulzimmer“.

Stefan Koenens in seinem „Mobilen Schulzimmer“. © Roland Fengler


Stefan Koenens Arbeitstag beginnt damit, dass er sein Campingmobil startet. Es ist kein gewöhnliches Wohnmobil, sondern eine Spezialherstellung: ein zum Schulzimmer umgebauter Kleinbus. Damit steuert Koenen auch keinen sonnigen Sandstrand an — sondern den Volksfestplatz. In seinem „Mobilen Schulzimmer“ unterrichtet er Zirkus- und Schaustellerkinder in ganz Mittelfranken, von der ersten bis zur achten Klasse.

Heute sitzen Beverly und Colin, beide sieben Jahre alt, und Colins kleine Schwester Leni auf der Schulbank. Leni ist erst fünf, das Vorschulkind darf aber ebenfalls einige Aufgaben mitmachen. Auf dem Lehrplan: Tauschaufgaben. Beverly rechnet an der Tafel vor, dann setzen sich die Kinder an die Schreibtische, die zu beiden Seiten in den Bus eingebaut sind.

Wenn Stefan Koenen ein paar Schritte zu den Kindern geht, um zu sehen, wie sie mit ihren Arbeiten vorankommen, schaukelt der Bus ein wenig. Doch das anfangs ungewohnte Schwanken bemerkt man nach zwei Stunden Unterricht nicht mehr.

Für Colin, der in die zweite Klasse geht, gibt’s Extraaufgaben, die er auf einem Holzbrett mit bunten Holzsteinen löst. Dass draußen am Frühlingsfest Familientag ist, stört die Kinder nicht. Sie lassen sich nicht ablenken. Ohnehin dringt das Kreischen und Raunen der Besucher nur gedämpft ins Wageninnere. Ab und zu ist etwas zu hören. Vor dem Bus wird jemand von der Polizei abgeführt, die herabsausenden Sitzbänke des „Power Tower“ fahren nach oben, sausen herab. Die drei Schulkinder aber sind ganz konzentriert bei der Sache.

Arbeitsmaterial an Bord

Federmäppchen und Rucksack bringen die Schaustellerkinder Colin, Leni und Beverly (re.) zum Unterricht in Stefan Koenens „Mobiles Schulzimmer“ mit, mehr nicht.

Federmäppchen und Rucksack bringen die Schaustellerkinder Colin, Leni und Beverly (re.) zum Unterricht in Stefan Koenens „Mobiles Schulzimmer“ mit, mehr nicht. © Roland Fengler


Stefan Koenen sorgt auch dafür, dass sie jederzeit beschäftigt sind. Das Arbeitsmaterial hat er im Bus übrigens stets dabei. In Wandschränken über den Schreibtischen sind Bücher, Arbeitshefte, Schreibblöcke oder zum Beispiel Stifte verstaut.

Jetzt machen Colin und Beverly eine Gemeinschaftsarbeit. Sie müssen Text und passende Bilder zusammensetzen. Die Aufgaben zu zweit liebt Beverly. „Juhu, noch eine“, sagt sie, als es an der Tür klopft. Es ist Lorenz Kalb, der Großvater von Colin und Leni, außerdem Vorsitzender des Süddeutschen Schaustellerverbandes.

Er kommt nur kurz zu einer Stippvisite, wird freudig begrüßt — und nutzt die Gelegenheit, um Stefan Koenen zu loben, der „so gute Arbeit leistet“. Er selber bedauert es, dass es das zu seiner Zeit noch nicht gegeben hat, er deshalb ein Internat besuchen musste und seine Eltern nur wenig sehen konnte. Später schaut noch Heidi Kalb kurz herein — im nächsten Moment aber sind die Kinder wieder bei der Sache.

„Kommst du morgen wieder?“, fragt Colin zwischendurch. „Ja, ich komme wieder“, beruhigt ihn Stefan Koenen. Bis eine Woche nach dem Frühlingsfest steuert sein „Mobiles Schulzimmer“ den Volksfestplatz an. Wohin ihn dann sein Weg führt, weiß er noch nicht. Wahrscheinlich zu einem kleinen Wanderzirkus, der dann in Ottensoos, in Unterfarrnbach oder Wilhermsdorf gastieren wird. Genau kann er es aber nicht sagen. Die Planung ist immer sehr spontan. An zwei Tagen unterrichtet Koenen tatsächlich an Schulen, und zwar Kinder, die dort nur kurz bleiben, weil ihre Eltern beruflich weiterziehen müssen.

Was ihn daran reizt? „Man hat einen viel engeren Kontakt zu den einzelnen Schülern und zu den Eltern“, sagt Koenen. Eine sehr individuelle Betreuung eben. Jahrgangsübergreifend zu unterrichten ist für ihn Alltag, genauso Inklusion. Kinder mit speziellem Förderbedarf zählen genauso zu seinen Schülern wie Kinder, die in Regelschulen als schwierig gelten.

Nicht immer wird er allerdings so willkommen geheißen wie am Nürnberger Volksfest. Es gibt Eltern, bei denen er Überzeugungsarbeit leisten muss, damit sie ihre Kinder zu ihm schicken. Denn: Auch wenn einige als Artisten oder Schausteller nicht unbedingt einen höheren Bildungsabschluss benötigen, liegt Koenen viel daran, ihnen Grundlagen mitzugeben. Gerade Artistenkinder, bei denen wenig Wert auf einen Abschluss gelegt wird, sollten mindestens das Niveau eines guten Drittklässlers erreichen.

Es geht auch anders. In Nürnberg betreut Koenen einige Gymnasiasten. Bei ihnen kommt er nach Hause und gibt Nachhilfeunterricht. Hier muss er eher bei den Lehrern um Verständnis bitten: Er überzeugte beispielsweise eine Mathelehrerin des Hans-Sachs-Gymnasiums davon, einen Schüler eine Schulaufgabe in dessen Campingbus unter Aufsicht von Stefan Koenen schreiben zu lassen. Was sonst tun, wenn die Eltern am Tag der Schulaufgabe in eine andere Stadt müssen?

Von Mama abgeholt

Das Mobil hat Koenen aus eigener Tasche bezahlt. Er ist zwar schon zehn Jahre als Bezirkslehrer für die Schausteller- und Zirkuskinder unterwegs, hat zuvor in deren Zuhause unterrichtet. Heute hat er sechs Schreibtische zur Verfügung.

Am Ende des Unterrichts werden die Kinder von ihren Müttern abgeholt. Und dann? Haben die drei auch Lieblingsfahrgeschäfte? Klar. „Achterbahn, die große Geisterbahn und Wildwasser“, sagt Colin, „Wilde Maus, Geisterbahn und Wasserbälle“, sagt Beverly. Nächste Woche werden sie wohl das ein oder andere Mal fahren. Denn als Schaustellerkinder dürfen sie bei den meisten Fahrgeschäften umsonst fahren. So oft sie wollen.

Koenen zieht derweil das Stromkabel ab, mit dem der Bus versorgt wird — und fährt das „Mobile Schulzimmer“ zu den nächsten Kindern.
  

VON MARIA INOUE-KRÄTZLER

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